Umdenken beim Bäume-Schneiden

Albrecht Schützinger beim Überzeugen seines Publikums. Foto: W. Hannig
Albrecht Schützinger beim Überzeugen seines Publikums. Foto: W. Hannig

Bei idealem Frühlingswetter stapften am letzten Samstag-Vormittag auf einem Reichenbacher „Stückle“ eine Gruppe von fast 30 Wissbegierigen zum Treffen mit Albrecht Schützinger, der mit einer Teleskop-Astschere an einigen Bäumen bereits Vorarbeit geleistet hatte.
„Und, seid ihr mit diesem Baumschnitt einverstanden?“ Ein Raunen ging dann durch die Menge der teils altgedienten Baumschneider, bis hin zu offenen Missfallens-Äußerungen. Da wusste der Kreisfachberater, woran er war, und dass er Überzeugungsarbeit zu leisten hatte.
Also erzählte er von der großen Bandbreite des Obstbaus, von industriellen maschinengerechten Anlagen bis hin zum der Natur überlassenen Baum. Alles trägt Früchte, die vielfältig variieren hinsichtlich Aussehen, Geschmack, Inhaltsstoffen – und Verkaufserlös.  Schwerpunkt bei diesem Schnittkurs war, solche älteren Bäume zu erhalten, bei denen keine Pflanzenschutz- oder Düngemaßnahmen durchgeführt werden, um  mit geringem Pflegeaufwand doch noch den ursprünglichen Zweck der Obsterzeugung zu verfolgen.

So stand man also vor einem Hochstamm-Boskoop mit etwas wild durcheinander wachsenden stärkeren Ästen, und die Umstehenden wussten sofort, was alles herausgehört und wo geschnitten werden sollte. Doch da musste der Fachberater bremsen! Nicht alles auf einmal!
Und nicht an die „Wasserschosse“ herangehen! Die Arbeit soll so auf die nächsten Jahre verteilt werden, dass man dem Baum nicht ansieht, dass er geschnitten worden ist! Grundregel Nr. 1: Nur Äste ab 2 cm bis max. 10 cm Schneiden! Größere Wunden werden nicht mehr verheilen. Grundregel Nr. 2: Am jeweiligen Leitast und in der Mitte nur 1 Eingriff, vielleicht mal 2, aber ansonsten aufhören an diesem Baum, auch wenn Äste quer liegen oder den Früchten Licht genommen wird. Dann wird das Wachstum von neuen Trieben nicht herausgefordert und der Baum bleibt in Ruhe.

Da haben die Leute erstmal etwas „geschluckt“, aber eigentlich wurde diese Argumentation verstanden, zumal viel weniger Arbeit anfällt als nach bisher gelehrten Methoden gewohnt. Der Baum braucht also nicht auszusehen wie aus dem Bilderbuch, Altholz sollte sogar drin bleiben, und man muss auch nicht mehr so sauber und genau schneiden wie früher, was z.B.  das Arbeiten an Hochstämmen mit der Teleskop-Astschere wesentlich erleichtert, und eine Leiter braucht man dann auch nicht.

Okay, es gibt Situationen im Hausgarten oder bei einer Lieblingssorte, wo die Lehrgangsteilnehmer doch etwas konventioneller vorgehen werden (wenn man beispielsweise mit seiner Leiter alles abernten will). Aber eines war jedem klar: Bei ausgewachsenen Bäumen nicht mit der Schere arbeiten, und erst recht nicht im Frühjahr „die Bäume putzen“, um Reiser zu entfernen. Das macht nur jedes Jahr viel Arbeit, schwächt die Bäume, und bringt sowieso keine Früchte. Andere Regeln gelten natürlich bei Neupflanzungen und für den Erziehungsschnitt in den ersten Wachstumsjahren. Darüber wird im nächsten Schnittkurs gesprochen werden.

Diese Art des etwas großzügigen Schneidens erfordert ein Umdenken, und vielleicht hat zum besseren Verdauen des Gehörten der beim anschließenden Vesper offerierte Edelbrand aus heimischer Palmischbirne auch etwas beigetragen. Wer für den nächsten Schnittkurs besondere Wünsche hat, möge dies bitte auf der Vereins-Internetseite mitteilen: www.ogv-reichenbach-fils.de.     

EH